Niedrigzinsen – Flucht in lange Laufzeiten?

Trotz der heutigen Entscheidung der EZB, die Leitzinsen zunächst unverändert zu lassen, wird doch immer klarer, dass die Zeiten niedriger Zinsen länger anhalten werden. Dies stellt viele Anleger vor Probleme. Einige reagieren darauf, in dem sie Anleihen mit längeren Laufzeiten erwerben. So ist etwa die erfolgreiche Aufstockung von 100-jährigen Anleihen Österreichs zu erklären, für die Anleger gerade einmal eine Rendite von 1,17% p.a. erhalten. Besonders Versicherer oder Pensionsfonds zählen zu den Käufern solcher Anleihen, die für ihre ebenfalls langlaufende Verpflichtungen sichere Renditen benötigen.

Vorteile langlaufender Anleihen in Zeiten niedriger Zinsen

Auf dem ersten Blick erscheint es für solche institutionellen Anleger tatsächlich sinnvoll zu sein, sehr langlaufende Anleihen zu halten. Schließlich haben Versicherer damit die Sicherheit, zumindest eine höhere Rendite als den aktuellen Rechnungszins von 0,9% p.a. zu verdienen, den sie ihren Versicherten für neu abgeschlossenen Produkte garantieren dürfen. Zudem verringern diese Anleihen die sogenannte „Duration-Gap“, die unterschiedliche durchschnittliche Laufzeit von Aktiv- und Passivseite eines Versicherers oder Pensionsfonds. Die Verpflichtung, einem heute jungen Menschen im Alter eine lebenslange Rente zu zahlen, führt zu festen Zahlungsverpflichtungen in vielen Jahrzehnten, während die meisten Kapitalanlagen zu feststehenden Einnahmen in einem deutlich kürzeren Zeitraum führen.

Mögliche Nachteile langlaufender Anleihen in Zeiten niedriger Zinsen

Auf dem zweiten Blick zeigen sich allerdings Gefahren der sehr langlaufenden Anleihen, die die beschriebenen Chancen bei weitem übersteigen. Mit dem Erwerb einer 100-jährigen Anleihe trägt man für diesen Zeitraum das Kreditrisiko des Schuldners. Hätte ein Anleger im Jahr 1917 eine solche Anleihe erworben, so hätte der Emittent noch Österreich-Ungarn gelautet. Der Emittent oder dessen Staatsform hätten anschließend fünfmal gewechselt, was verdeutlicht, dass das Kreditrisiko des Emittenten für eine solchen Zeitraum kaum zu bestimmen ist.

Selbst wenn man von politischer Stabilität in den nächsten 100 Jahre ausgeht, haben solche Anleihen einen weiteren großen Nachteil. Mit dem Erwerb wird das aktuelle Niedrigzinsniveau für viele Jahrzehnte festgeschrieben. Es ist aber unwahrscheinlich, dass eine solche Anleihe in den nächsten Jahrzehnten nicht zu Problemen für den Anleger führen wird.

Zusammenfassung der Entwicklungen am Beispiel einer 100-jährigen Anleihe

Die Duration – d.h. die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer – einer 100-jährigen Anleihe mit Zinssatz von 1,17% p.a. beträgt rund 60 Jahre. Diese hohe Duration führt zu einer extremen Reaktion auf Zinsänderungen. Steigt das allgemeine Zinsniveau um 1% p.a., so fällt der Kurs der Anleihe um 40%.[i] Folgende Abbildung zeigt den Kurs dieser Anleihe, wenn sich das Zinsniveau ändert.

Kurs einer 100-jährigen Anleihe bei verschiedenen Zinsniveaus

Bei einem Zinssatz von 6% p.a. – einem historisch keineswegs hohen Niveau für langlaufende Anleihen – fällt der Kurs der 100-jährigen Anleihe auf unter 20 % des Nominals. Aktuell scheint ein solches Zinsniveau unwahrscheinlich. Fraglich ist aber, ob dies z.B. in den nächsten 20 Jahren so bleiben wird. Erwirbt der Käufer die Anleihe mit Halteabsicht, so hat er in 20 Jahren eine dann noch 80 Jahre laufende Anleihe. Die folgende Abbildung zeigt, dass der Kurs dieser Anleihe auch in 20 Jahren bei Zinsanstiegen so stark reagiert wie aktuell. Die Gewinne bei weiteren Zinssenkungen werden hingegen kleiner.

Kurs einer 100-jährigen Anleihe bei verschiedenen Zinsniveaus

Mit dem Kauf einer 100-jährigen Anleihe hält ein Versicherer oder Pensionsfonds somit ein großes Marktwertrisiko. Sollten innerhalb der nächsten Jahrzehnte die langfristigen Zinsen nur einmal bei 6% p.a. liegen, so würde er einen Marktwertverlust von bis zu 80% erleiden. Der Kurs dieser Anleihe schwankt insgesamt deutlich stärker, als man es bei festverzinslichen Wertpapieren gewohnt ist. Das Marktwertrisiko entspricht damit eher dem einer Aktie, ohne dass deren Chancen auf steigende Dividenden oder Inflationsschutz bestehen.

Schließlich müssten Versicherer einen solchen Marktwertverlust zumindest im Anhang als stille Lasten ausweisen. Möglicherweise würde ein solcher Marktwertverlust auch als dauernde Wertminderung im Sinne des § 253 HGB angesehen, so dass eine erfolgswirksame Abschreibung erforderlich wird. Selbst wenn dies aktuell nicht der Fall sein sollte, ist es wahrscheinlich, dass sich die HGB-Bilanzierung in den nächsten Jahrzehnten weiter der internationalen Rechnungslegung nähert, die zur Marktwertbilanzierung neigt.

Fazit

Getrieben durch das Niedrigzinsniveau reagieren langfristige Anleger bisweilen mit dem Kauf besonders langlaufender festverzinster Anleihen. Diese Anleihen reagieren deutlich stärker auf Zinsänderungen. Bleiben die Zinsen in den nächsten Jahrzehnten nicht auf dem aktuell niedrigen Niveau, werden Käufer dieser Anleihen Verluste in erheblichem Ausmaß erleiden. Langlaufende Anleihen zeigen dabei Kursrisiken wie Aktien, ohne adäquate Chancen aufzuweisen. Es empfiehlt sich daher, als Alternative eine Erhöhung anderer Assetklassen, wie z.B. Aktien, zu prüfen.

Unsere Leistungen

Wir können Sie dabei unterstützen Anlageentscheidungen umfassend informiert und risikobewusst zu treffen:

  • unabhängige Unterstützung beim Entscheidungsprozess unter Berücksichtigung der individuellen Risikoneigung sowie bereits bestehender Portfolien
  • Bewertung der Verkaufsunterlagen hinsichtlich möglicher Chancen und Risiken

Wir bieten Anlageberatungsdienstleistungen ausschließlich in der Form der Honoraranlageberatung an und sind in das von der BaFin geführte Register der Honoraranlageberater i.S.d. § 36c WpHG eingetragen.

Sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Sie gern!


[i] Normalerweise approximiert man die Marktwertänderungen einer Anleihe bei Zinsänderungen mit der Duration und würde zu einem um 60×1% = 60% fallendem Kurs kommen. Diese Approximation führt durch die lange Laufzeit der Anleihe aber zu einem ungenauen Ergebnis.

Ansprechpartner
News - David Oberbichler
David Oberbichler
Analyst

+49 341 355 929 - 49
E-Mail senden
News - Jan Hartlieb
Jan Hartlieb
Geschäftsführer

+49 341 355 929 - 30
E-Mail senden

« zurück